Vermischtes
KNA – Thomas Schuler

„Lügenbaron von Ingolstadt“: Wie eine Schülerzeitung die NS-Geschichte eines Verlegers aufdeckte

„Lügenbaron von Ingolstadt“: Wie eine Schülerzeitung die NS-Geschichte eines Verlegers aufdeckte Brauner Schatten über dem ehemaligen Verleger des „Donaukuriers“.

Es waren Schüler und Studenten, die in Ingolstadt viele Jahre über die NS-Vergangenheit des „Donaukurier“-Verlegers Wilhelm Reissmüller aufklärten. Offizielle Stellen taten dagegen wenig – und schützen Reissmüller.

Ingolstadt (KNA) – Am Montag vergangener Woche wandte sich Gerhard Reichert mit einem Appell an den Stadtrat von Ingolstadt. Es ging um die beantragte sofortige Aberkennung der Ehrenbürgerschaft des ehemaligen „Donaukurier“-Verlegers Wilhelm Reissmüller (1911-1993). Der 72-jährige Reichert ist im oberbayerischen Ingolstadt aufgewachsen, heute lebt er in Thüringen. In seinem Brief an den Stadtrat, der der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vorliegt, erwähnt er zwei Verfahren, in denen er in den 70er und 80er Jahren gegen Reissmüller vor Gericht stand, weil er über dessen NS-Belastung aufzuklären versuchte.

 

Heute ist Reissmüllers NS-Vergangenheit belegt und Grund für den von mehreren Parteien im Ingolstädter Stadtrat unterstützten Antrag, ihm die 1976 verliehene Ehrenbürgerwürde abzuerkennen. Vor rund 50 Jahren sah das ganz anders aus. Reissmüller galt als Verleger des „Donaukuriers“ als eine der einflussreichsten und mächtigsten Persönlichkeiten der Stadt. Und behauptete, von Beginn bis Ende der NS-Diktatur Gegner der Nazis gewesen und sogar den Widerständlern des 20. Juli 1944 angehört zu haben; entsprechender Persilschein inklusive.

 

Reissmüllers angebliche Widerstandstätigkeit hätten ihm schon damals viele im Ort nicht geglaubt, sagt Reichert heute: „Doch fast alle schwiegen dazu.“ Mutige Aufklärer waren in Ingolstadt politisch engagierte Jugendliche und Studenten, angeleitet von der volkskundlichen Sagen-Schriftstellerin Emmi Böck (1932–2002), mit der sich Reichert oft austauschte. Als ihr 1987 der bayerische Verdienstorden verliehen wurde, sagte Böck der alternativen Stadtzeitung „Schanzer Journal“, sie verfüge über ein ausgeprägtes soziales Gewissen. „Politisch zu sein, das bedeutet für mich, dass es mich reißt, wenn ich was les, wenn ich was seh, was ned stimmt, einfach Empörung.“

 

Reissmüllers Lügen hatten sie besonders empört. Jahrelang schrieb sie Zeitungen an, damit diese über Reissmüllers NS-Nähe berichteten, versorgte Autoren von „Spiegel“, „Süddeutscher Zeitung“, taz und anderen mit Interna und Belegen, wie aus ihrem Nachlass hervorgeht. Was heute im Internet veröffentlicht werden würde, stand in den 70er Jahren in offenen Briefen, Flugblättern, in Schüler- und Jugend-Zeitschriften oder eben dem „Schanzer Journal“. Es gab sonst ja nur den „Donaukurier“ (DK).

 

Zweifelhafter Ehrenbürger

Gerhard Reichert war 1968 noch 15-jähriger Schüler, als er dort im Mai des Jahres eine Würdigung über Ludwig Liebl las, den Schwiegervater von Wilhelm Reissmüller. Liebl hatte in Ingolstadt die Ortsgruppe der NSDAP gegründet, für die er im Stadtrat saß, außerdem 1927 in Abstimmung mit Hitler den „Donauboten“, die erste regionale NS-Tageszeitung in Privathand. 1934 hatte ihn Oberbürgermeister Josef Listl als Ehrenbürger ausgezeichnet – „in Anerkennung seiner Verdienste um die kulturelle Entwicklung der Stadt und seiner uneigennützigen Arbeit im Kampfe um den Sieg der nationalsozialistischen Revolution“. Im „Donaukurier“ war 1968 jedoch nur zu lesen, Liebl sei aufgrund seiner kulturellen Verdienste geehrt worden.

 

Als Reichert die geschönte Würdigung las, blätterte er im Stadtarchiv in Liebls „Donauboten“ nach. Es seien nicht einzelne Artikel gewesen, die ihn überraschten oder abstießen, erinnert er sich. „Es war die Zerschlagung des freien Wortes und eines demokratischen Lebens, die Hetze gegen Juden, Sozialisten und Kommunisten, der Rassenwahn.“

 

Am 1. Januar 1972 schrieb Reissmüller im „Donaukurier“: „Allein die Ingolstädter Zeitung konnte bis heute ohne Unterbrechung erscheinen.“ Er feierte das 100-jährige Jubiläum des Blattes und berief sich damit ausgerechnet auf jene Zeitung, die er in der NS-Zeit als Verlagsleiter des „Donauboten“ gleichgeschaltet und mit dem NS-Blatt zusammengelegt hatte. Weil die „Ingolstädter Zeitung“ zunächst noch gegen Hitler angeschrieben hatte, war sie ihm plötzlich ein willkommenes Feigenblatt, um nicht nur sich, sondern auch seine Zeitung als Teil des Widerstands auszugeben. Seine Rolle beim „Donauboten“ verschwieg er. Eine Geschichtsklitterung auf mehreren Ebenen.

 

Einladung ohne Ergebnis

Reichert widersprach in einem offenen Brief, den er selbst in die Redaktion trug. Er warf Reissmüller „Geschichtsfälschung und bewusste Vorspiegelung falscher Tatsachen“ vor: „Wer gestern Nazi war, wird es in den Geschichtsbüchern bleiben, auch wenn er versucht, mit 100.000-facher Auflage das Gegenteil weiszumachen“, hieß es in dem Brief. Reissmüller antwortete, Reichert solle zu ihm ins Büro kommen, damit er sich mit ihm und seinen Behauptungen auseinandersetzen könne. Dazu sei es aber nie gekommen, sagt Reichert.

 

Allerdings nahm er damals im Kreis von Schülerzeitungsredakteuren an einem Gespräch mit Reissmüller teil. Der Verleger habe sich beschwert, dass ihn der Bischof von Eichstätt nicht von der Kanzel predigen lasse, erinnert sich Reichert heute an die Runde. Er habe Reissmüller gefragt, ob er denn ihn, Reichert, im „Donaukurier“ schreiben lasse. Reissmüller habe darauf nichts gesagt. Monate später gratulierte Alois Brems, der damalige Bischof von Eichstätt, in der Jubiläumsbeilage zum Hundertsten. Auch keiner der anderen Gratulanten – ob der damalige bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel, Franz Josef Strauß, Hans-Jochen Vogel, Max Streibl oder namhafte Journalisten – stellte das falsche Jubiläum in Frage.

 

Michael Nerlich war empört über diese Verdrehung der Tatsachen. Der junge Journalist arbeitete 1972 in der Redaktion des „Donaukuriers“ und schrieb – unterstützt von Emmi Böck – anonym eine Broschüre über „Das falsche Jubiläum des Dr. R.“, die sie an Landtagsabgeordnete und Lokalpolitiker verteilten. Der Student Gerd Bauz stand als Verantwortlicher im Impressum. Reissmüller klagte gegen ihn, Bauz wurde zu einer Geldzahlung verurteilt. Im Oktober 2024 reiste der in Frankfurt lebende Bauz zu einer Buchpräsentation über Reissmüllers NS-Vergangenheit in Ingolstadt an und ergriff das Mikrofon. Er sei rechtskräftig verurteilt, meinte Bauz – aber durch die neuen Erkenntnisse fühle er sich „vollständig rehabilitiert“.

 

Gemeinsame Interessen

Siegfried Hofmann, der Leiter des Stadtarchivs und spätere Kulturreferent – quasi der oberste Historiker der Stadt –, hätte 1972 widersprechen müssen. Doch er tat nichts dergleichen. Wie auch? Er war ja einer der Hauptautoren der Jubiläumsbeilage und so Komplize von Reissmüllers Legendenfälschung. Reissmüller verlegte in seinem Verlag Bücher von Hofmann; beide veröffentlichten gemeinsam mehrere Bände zur Geschichte der Stadt. So erhielt Reissmüller selbst den Ruf eines „Historikers“, an dessen Darstellungen nicht zu zweifeln sei.

 

Als Hofmann 1979 vom Stadtrat beauftragt wurde, über den lokalen Widerstand zu forschen, war ihm wichtig, dass die Ausstellung „absolut sachlich“ aufgebaut sein müsse, zitierte ihn damals der „Donaukurier“. Auf keinen Fall dürfe sie eine Anklage gegen ehemalige Nationalsozialisten darstellen. Als Gerhard Reichert in einer Schülerzeitung über Reissmüllers NS-Vergangenheit schrieb, ging der Verleger mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Reicherts Lehrer vor. 1980 verlangte Reichert Einsicht in die Ehrenbürgerakten im Stadtarchiv, um die Begründung für die Verleihung an Ludwig Liebl nachzulesen.

 

Der inzwischen verstorbene Archivdirektor Siegfried Hofmann und die Stadt verweigerten ihm das – auch, als er Einspruch einlegte. Reichert studierte damals Jura. Er klagte gegen die Stadt und erzwang so Akteneinsicht. Hofmann sei nach seiner Niederlage vor dem Verwaltungsgericht in München zu ihm gekommen und habe gesagt, er sei froh, die Akte jetzt vorlegen zu müssen. Er, Reichert, wisse ja, wie Reissmüller reagiert hätte, wenn er das freiwillig getan hätte. So konnte Reichert 1982 einen Artikel über Liebl im „Schanzer Journal“ schreiben, in dem er Reissmüller als „Pg.“ bezeichnete, als Parteigenossen der NSDAP. Hiergegen ging Reissmüller vergeblich vor, zog gar bis vor das Bundesverfassungsgericht, das seine Beschwerde im Sommer 1987 ablehnte.

 

Juristisches Backup

Eine wichtige Rolle spielte damals auch der Anwalt Herbert Fiedler, der Emmi Böck und die Jugendlichen und Studenten vor Gericht gegen Reissmüller vertrat. Christoph Markl, einer der Herausgeber des längst eingestellten „Schanzer Journal“, sagt rückblickend, Herbert „Hebs“ Fiedler sei „das juristische Backup für die journalistischen Freiheiten, die wir uns nahmen“, gewesen. Jahrelange Auseinandersetzungen mit Reissmüller über mehrere Instanzen „wären ohne ihn nicht möglich gewesen“. Im Fall einer Niederlage – was nur einmal vorkam – habe er auf sein Honorar verzichtet. Zur öffentlichen Wirkung der Aufklärungsarbeit sagt Markl: „Am Ende unseres Prozesses war die Fakten- und Quellenlage über Reissmüllers Vergangenheit so breit, dass darauf aufbauend erstmals eine fundierte historische Einordnung auf wissenschaftlicher Basis erfolgen konnte.“

 

Markl selbst schrieb 1984 seine Magisterarbeit an der Universität München darüber, wie Reissmüller es trotz seiner Vergangenheit als NS-Verleger schaffte, den Lizenznehmer Joseph Lackas, den die Amerikaner eingesetzt hatten, zu verdrängen, und mit dem „Donaukurier“ ab 1951 noch mächtiger als vor 1945 zu werden.

 

Die Schüler Union der CSU warf Reichert in ihrer Zeitschrift „SURE“ (Schüler Union Report) damals vor, er verdrehe wider besseren Wissens die Wahrheit und bezeichnete ihn als „Lügenbaron von Ingolstadt“, der sich manipulieren lasse und „völlig unbegründete Verleumdungen“ streue. In dem Artikel mit dem Titel „Reicherts Zerrbild“ hieß es, diesem seien in seinem Artikel in der Schülerzeitung „gravierende Fehler unterlaufen“. Und weiter: „Daher halten wir die Zeit für gekommen, Reicherts Selbstherrlichkeit ein Ende zu bereiten.“ Denn Reissmüller (von dem keine Interviews zu diesem Thema bekannt sind) habe „SURE“ in einem Gespräch bestätigt, dass er „weder Mitglied noch Sympathisant der NSDAP“, sondern Teil des Widerstandes und der Verschwörung um Stauffenberg gewesen sei, schrieb die Zeitschrift, die bei Reissmüller gedruckt wurde.

 

Gegendarstellung durchgesetzt

Reichert setzte eine Gegendarstellung durch, die jedoch nie erschien, weil „SURE“ nur eine einzige Ausgabe erlebte – eben jene, die Reissmüller heftig verteidigte. Die falsche Darstellung wurde also nie korrigiert – bis jetzt. Henry Schubert war damals als Sprecher der Schüler Union verantwortlich für den „SURE“-Inhalt; später engagierte er sich viele Jahre in der CSU. Wie sieht Schubert den Fall heute? Reissmüller sei hoch angesehen gewesen und habe die „Aura eines Saubermannes“ gehabt, erinnert sich Schubert: „Wir waren alle sehr beeindruckt bei dem Termin in seinem Büro. Wir waren 16 Jahre alt. Wir haben seine Behauptungen nicht überprüft. Wir haben nicht recherchiert. Wir haben ihm geglaubt.“

 

Im Nachhinein müsse er sagen: „Wir sind einem Trugbild erlegen. Wir haben uns blenden lassen.“ Reissmüller habe sie wohl benutzt, um einen unliebsamen Kritiker zum Schweigen zu bringen. Heute bedauert Schubert den Artikel von damals und die Vorwürfe gegen Reichert.

 

So lange Reissmüller lebte und mit seiner Tageszeitung in Ingolstadt ein Meinungs- und Informationsmonopol innehatte, sei die Bereitschaft in der Region eben sehr begrenzt gewesen, sich – womöglich noch öffentlich – mit dessen Vergangenheit auseinanderzusetzen“, bilanziert heute Christoph Markl: „Jene Mitmenschen, die unter dieser publizistischen Situation wirtschaftlich, politisch oder persönlich litten, waren allerdings sehr dankbar, dass wir dem Verleger mit dem „Schanzer Journal“ zumindest die Stirn boten.“ Für eine Aberkennung von Reissmüllers Ehrenbürgerschaft „liegen inzwischen alle Fakten auf dem Tisch, um eine Entscheidung treffen zu können“.

 

Entscheidung im Juni

Die könnte nun im Juni fallen. Dann soll über den Antrag von fünf Fraktionen und Gruppen um die Grünen, die SPD und die Linke im Ingolstädter Stadtrat entschieden werden, Reissmüller die Ehrenbürgerwürde aufgrund seiner NS-Belastung unverzüglich abzuerkennen. Die CSU, die in der mittelbayerischen Stadt seit März erneut den Oberbürgermeister stellt, möchte jedoch abwarten, bis ein Gutachten des Institutes für Zeitgeschichte vorliegt. Die Arbeit dazu hat aber erst jetzt, 2025, begonnen; ein Ergebnis soll 2028 vorliegen. Zur Mehrheitsbeschafferin gegen den Antrag auf Aberkennung könnte ausgerechnet die AfD werden, die mit vier Mitgliedern im Stadtrat vertreten ist.

 

Und Gerhard Reichert? Er schreibt in seinem Appell an den Stadtrat, er sei heute ohne Groll wegen der Verleumdungen der Schüler-Union. Seine Botschaft aber ist klar und deutlich. Reissmüller habe einmal wörtlich gefordert, man müsse „der Lüge das Laufen erschweren“, sagt Reichert: „Es wäre ein guter Anfang, wenn sich der Stadtrat meiner alten Heimatstadt zu einer entsprechenden Handlungsweise in der Frage der Aberkennung der Ehrenbürgerwürde des Dr. Wilhelm Reissmüller entschließen könnte.“