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Newsroom – Marc Bartl

Gabor Steingart teilt gegen die Medienbranche aus

Gabor Steingart teilt gegen die Medienbranche aus Gabor Steingart (l.) mit Verleger Johann Oberauer (Foto: Petro Becerra)

Der „The Pioneer“-Gründer nimmt sich mal wieder die Medienbranche vor – und findet wenig schmeichelhafte Worte.

Berlin – Gabor Steingart, Gründer von Media Pioneer, sagt in seiner Rede anlässlich der „kress Awards“ auf dem Medienschiff Pioneer Two: „Die Meinung der anderen ist oft der zentrale Motor für Fortschritt in unserer Gesellschaft.“ Sie sei nicht irgendeine Zutat auf einer Kommentarspalte oder in Form eines Leserbriefs. Die Meinung sei für ein Medienhaus zentral, ein ungehobener, aber auch ungeliebter Rohstoff, behauptet Steingart, der einst das Spiegel-Hauptstadtbüro leitete, das Washingtoner Büro führte, als Chefredakteur des Handelsblatts wirkte und schließlich Geschäftsführer und Miteigentümer der Handelsblatt Media Group war. 2018 gründete Steingart in Berlin das Medienunternehmen Media Pioneer, maßgeblich beteiligt ist Axel Springer.

 

Die Meinung der anderen sei nicht nur ein von vielen Medien ungeliebter Rohstoff, sondern auch ein unverstandener, sagt Steingart, bei der die Medienmarke „kress pro“ die Besten der Branche auszeichnet. „Das Unverstandene beginnt schon mit dem Wort User – früher Hörer oder Leser – der Benutzer unserer Inhalte. Da ist so viel Falsches drin im Verständnis einer gleichberechtigten Beziehung. Und wenn ich sage, Gleichberechtigung, dann ist selbst das eine Übertreibung. Die meisten Leser in einem bestimmten Fachgebiet verstehen deutlich mehr als der Redakteur in diesem Fachgebiet“, so Steingart in gewohnt provokanter Weise.  

 

„Es tut uns so gut, bescheiden zu sein. Weil es berechtigt ist, weil diese Leser, die uns lesen, erst recht im oberen Teil des Marktes, da wo Entscheidungsträger aktiv sind, die Eliten Deutschlands, ein Anrecht darauf haben, so genommen zu werden, wie sie sind. Nämlich als Menschen, die nicht unter uns stehen. Und damit sind alle abgeleiteten Worte, auch die, die ich viele Jahre beim ,Spiegel‘ benutzt habe, falsch.“

 

Für Steingart beginnt das Missverständnis schon mit dem Wort „Leitmedium": „Was heißt denn Leitmedium? Wir haben gesagt, da, wo ihr lang geleitet werden sollt. Nein. Das ist so falsch, dass man heute darauf kein Medienunternehmen, kein Geschäft, auch keine Kundenbeziehung mehr aufbauen kann, die trägt. Und weil das so falsch ist, rennen so viele Verlage, die meisten würde ich sagen, in die falsche Richtung los. Deswegen sind sie auch da, wo sie sind.“

 

Steingart nennt diese Gruppe „Verlierermedien“, weil sie mit Jobabbau, Auflagen- und Anzeigenschwund kämpfen, einen Glaubwürdigkeitsverlust erleiden. „Manche sagen, das sei polemisch. Aber das ist gar nicht polemisch. Das ist eine Faktenbeschreibung“, will Steingart wissen. 

 

Für den Medienmanager hat die Demokratisierung von Demokratie gerade erst begonnen. Sie macht vor den Medien nicht halt. „Früher passten die Medienverantwortlichen eines Landes in die Hälfte dieses Raumes hier rein: Chefredakteure von Bild, Welt, Spiegel, Öffentlich-Rechtlichen. Es war eine kleine Gruppe und die Eigentümer, die passten hinten in den Board Room: Herr von Holtzbrinck, Frau Springer, Frau Mohn, Herr Jahr, Herr Bucerius. Eine superkleine Gruppe von Eigentümern.“  Das sei heute „so anders geworden“.

 

Bei der „Demokratisierung von Demokratie“ spielt für Steingart Social Media die entscheidende Rolle, also, dass Empfänger zu Sendern werden. Das seien die Mechanismen, die man nicht nur akzeptieren müsse, sondern denen man freudig entgegenlaufen sollte, wenn man in dieser Industrie eine Zukunft haben will, betont er. Man müsse diese Leser verstehen, auch da, wo sie anderer Meinung seien, sich mit ihnen reiben, sich auseinandersetzen. Man müsse die Leser lieb haben.