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Wie Medienprofis wieder einen positiven Blick auf die Welt finden

Wie Medienprofis wieder einen positiven Blick auf die Welt finden Attila Albert

Mancher kann in diesen Zeiten kaum noch Gutes entdecken. Das löst jedoch kein Problem, sondern zieht einen nur selbst und andere weiter herunter. Karrierecoach Attila Albert über Wege aus dem inneren Dauerkonflikt.

Berlin – Kürzlich traf ich bei einer privaten Gelegenheit eine langjährige Branchenkollegin wieder. Sie war erkennbar unzufrieden mit vielerlei Entwicklungen – in der Welt, in der Medienbranche, bei ihrem Arbeitgeber – und mit bestimmten Personen. Darüber sprach sie leidenschaftlich empört und äußerst kritisch, forderte mehrmals, dass dieser und jener „einfach die Fresse halten‟ und man andere „rausschmeißen‟ solle. Durchweg ging es darum, dass sie aus ihrer Sicht die falschen Meinungen vertraten, sich falsch verhielten und falsch entschieden.

 

Solch eine umfassende Abwehrhaltung ist inzwischen weit verbreitet, und so, wie sie sich in den Kommentaren der Leser bzw. Nutzer zeigt, hat sie auch viele Medienprofis ergriffen. Manchmal muss man sich wirklich einmal „auskotzen‟, wie es etwas unschön heißt, also das Unverdauliche loswerden. Aber auf Dauer zieht ständiges Schimpfen und Kritisieren einen immer weiter runter, ohne etwas zu verändern, und belastet andere ebenso. Wie aber damit umgehen, wenn einem vieles nicht (mehr) passt? Dazu einige Gedanken.

 

Widerstand gegen ungewollte Veränderungen
Abwehrhaltung zeigt inneren Widerstand, meist gegen unerwünschte Veränderungen oder gegen den Einfluss von anderen (z. B. Druck, Kritik). Sie dient der Abgrenzung und Selbstverteidigung, erfüllt also ein Schutzbedürfnis. Das ist grundsätzlich notwendig, um nicht ganz fremdbestimmt zu werden. Allerdings lohnt sich, wenn das länger anhält, die kritische Selbstreflexion: Wogegen verwahre ich mich eigentlich – und ist das überhaupt nötig und sinnvoll? Denn Dauer-Opposition erschöpft und scheitert langfristig.

 

Wer als Redakteur ständig mit seinem Ressortleiter oder Chefredakteur darüber uneins ist, welche Themen relevant sind und wie sie aufbereitet werden sollten, wird sich im Einzelfall durchsetzen, bald aber als ewiger Querulant dastehen und langfristig gehen müssen. Die großen Entscheidungen im Unternehmen treffen Vorstand und Geschäftsführung, alle anderen müssen sich danach richten. Hat man generell andere Vorstellungen, ist man beim falschen Arbeitgeber. Bei noch umfassenderen Themen (z. B. Weltpolitik) entscheiden sowieso andere. Man kann mitdiskutieren, sollte aber nie vergessen, welchen Einfluss man effektiv hat, ob man seine begrenzten Ressourcen also sinnvoll verwendet.

 

Im falschen Umfeld oder Team
Für eine gesunde, konstruktive Unternehmen- und Gesprächskultur spricht, wenn auch einfache Redakteure und sogar Volontäre und Praktikanten gehört werden (soweit sie substanziell etwas beizutragen haben, etwa eine kreative Idee oder einen originellen Lösungsansatz). Aber immer gilt, dass man in den grundlegenden Werten und Zielen übereinstimmen muss, um sich nicht fortlaufend zu streiten. Wer meint, ständig andere abwehren und ihnen widersprechen zu müssen, ist im falschen Umfeld bzw. Team.

 

Diese Dynamik kann von beiden Seiten ausgegangen sein: Der Arbeitgeber bzw. das Team haben sich verändert – oder man selbst. Frühere Ziele und Werte haben ihre Bedeutung verloren, und auch mehrere Diskussionen dazu konnten das nicht ändern. Eine trotzige Abwehrhaltung ist dann eine verständliche erste Reaktion, löst aber den Konflikt nicht. Wichtig ist stattdessen die Unterscheidung: Womit kann ich mich arrangieren (Akzeptanz), wogegen wehre ich mich (Widerstand) und wie konsequent (Jobwechsel)?

 

Hier sind Indikatoren dafür, dass eine Veränderung überfällig ist:

  • Sie ärgern und empören sich ständig über die Entscheidungen und Ansichten anderer und werten sie fachlich oder persönlich ab („Idioten!”).
  • Ihre Geduld und Ihr Interesse, andere zu verstehen, sind gering. Sie haben „keine Nerven‟ mehr, sich auf andere einzulassen, oder lehnen das direkt ab.
  • Ihre Sprache ist voller kritischer, manchmal auch gehässiger Bemerkungen, nur ganz wenige Menschen genügen überhaupt noch Ihren Ansprüchen.
  • Gleichzeitig fühlen Sie sich schnell angegriffen und verletzlich, blicken daher auch mit vielen Ängsten und großen Sorgen in die Zukunft. 
  • Sie haben den Eindruck, dass „alles schiefläuft‟, gar „zusammenbricht‟. Dagegen zählt für Sie wenig, was gut funktioniert oder sogar besser geworden ist.


Keines dieser Indizien bedeutet, dass Sie ein schlechter oder schwieriger Mensch sind, sondern eher, dass Sie überfordert und erschöpft sind, sich aufgerieben haben. Eine positive Veränderung kann darin bestehen, Ihre Einstellung zu überdenken und anders an Ihre Mitmenschen im direkten oder weiteren Umfeld heranzugehen – oder überfällige praktische Entscheidungen zu treffen, beispielsweise das Tätigkeitsfeld, den Arbeitgeber oder den Wohnort zu wechseln. Das erlaubt, die ständige Abwehr aufzugeben und sich der Welt und anderen Menschen wieder zuversichtlich, offen und interessiert zuzuwenden.

 

Zur vergangenen Kolumne: Mehr als Durchschnitt

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

www.media-dynamics.org 

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